Spiegelwelten – das Tor zur Hölle

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Spiegelwelten – das Tor zur Hölle
Eine Leseprobe aus dem Buch UNHEIMLICHE GESCHICHTEN
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In einem fernen Land gibt es eine Legende, die besagt, dass der Teufel einst einen kostbaren Spiegel stahl und sich mit ihm in die Lüfte erhob. Er war nicht nur machtbesessen sondern auch eitel. Da blendete ihn die aufsteigende Sonne, und er ließ den Spiegel fallen. Auf der Erde aber zerbrach dieser in sieben Stücke.
Die Brüder Mac Quinn standen in dem alten Antiquitätenladen und ließen prüfend ihre Blicke schweifen. Sie kannten sich bestens aus, da ihre Leidenschaft das Sammeln alter Kunstgegenstände und Raritäten war. Im Ort waren die drei Junggesellen als seltsame, wortkarge Kauze bekannt, die jeden Kontakt scheuten. Deshalb wohnten sie wohl auch abseits in einer alten Burg mit Blick über die Stadt. Besuch bekamen sie nur selten, was nicht weiter verwunderlich war. Man munkelte, dort oben gehe es nicht mit rechten Dingen zu. Hexen und Dämonen, ja, der Teufel selbst solle die Burg nachts heimsuchen. Die drei Brüder wussten nicht, was man sich in der Stadt erzählte - und wenn, dann wäre es ihnen sicherlich egal gewesen. „Warum ist das hier verhangen?“, erkundigte sich James, der Älteste, bei dem Antiquitätenhändler. Ein weißes Laken verdeckte einen mannshohen Gegenstand in der hintersten Ecke des Ladens im Halbdunkel. „Das steht nicht zum Verkauf“, antwortete der Händler. Der Kunde zog ungeduldig an dem Tuch, das jetzt Teile eines wunderschönen Spiegels freigab. Der Rahmen war kunstvoll verziert und sicherlich unbezahlbar. „Teakholz“, stellte Mike, der inzwischen aufmerksam geworden war, sachlich fest und fuhr mit den Fingern vorsichtig über die blütenhaften Ornamente. Bill nickte bedächtig mit dem Kopf. „Ein schönes Stück - was soll er denn kosten?“ „Ich sagte Ihrem Bruder schon, dass der Spiegel nicht verkäuflich ist!“ „Schade“, brummte James. „Der würde so gut in unsere Sammlung passen. Darf man fragen, warum Sie ihn nicht verkaufen wollen?“ In den Augen des Händlers stand die blanke Angst. Schnell zog er das Laken wieder über den antiken Gegenstand. „Er ist verflucht. Seine letzte Besitzerin soll er in den Wahnsinn getrieben haben. Mehr weiß ich darüber auch nicht.“ „Hören Sie, wir sind die Mac Quinns und glauben nicht an Flüche! Verkaufen Sie uns den Spiegel, dann sind Sie ihn los!“ Der Händler überlegte. Das Teil flößte ihm Angst ein. Irgendetwas Böses ging davon aus, das konnte der sensible Mann spüren. Vielleicht war es wirklich besser, es los zu werden. Die Mac Quinns waren ihm ein Begriff, wenn sie auch zum ersten Mal seinen Laden betreten hatten. Sollten Sie den Spiegel doch in ihre düstere Burg schaffen, weit weg von ihm. „Gut, aber Sie müssen ihn selbst abtransportieren“, gab er nach.
Bald darauf hing der geheimnisvolle Spiegel an der Wand in der prunkvollen Diele der Mac Quinns. Die Burg war mit erlesenen Antiquitäten ausgestattet und hätte sicherlich Besucher aus dem ganzen Land angezogen, wenn die Brüder offener gewesen wären. So aber hatten sie nicht einmal eine Haushälterin oder Köchin. Einmal am Tag brachte ein Service warmes Essen. Das musste genügen. Niemand außer ein paar Katzen, die den Mäusen und Ratten den Garaus machten, teilte das Leben der Eigenbrötler.
Mike bemerkte als erster, dass die Katzen einen großen Bogen um den Spiegel machten. Interessiert besah er sich das gute Stück noch einmal in allen Einzelheiten. Die Diele erschien ihm kälter als gewöhnlich, und fröstelnd zog er die Schultern hoch. Seine Hand fuhr über die kunstvoll geschnitzten Ornamente, da war ihm, als würden sie sich in Teufelsfiguren verwandeln. Das Glas zog ihn geradezu magnetisch an. Jetzt vibrierte es, verlor seinen festen Zustand, wurde durchlässig. Mike tauchte förmlich hindurch und fand sich in einer Wüste wieder. Plötzlich wurde es unerträglich heiß, eine grelle Sonne stach vom wolkenlosen Himmel. Was tue ich hier, wie bin ich hierhergekommen?, durchfuhr es ihn. Dort hinten gab es irgendwo Schatten. Eine seltsame Schwärze lauerte im Hin tergrund. Nur raus aus der Hitze. Seine Haut hatte sich rot verfärbt und schlug Blasen. Er rannte um sein Leben.
James suchte im ganzen Haus. „Bill, hast du Mike heute schon gesehen? Er sollte mir doch mit den Abrechnungen helfen.“ Bill sah kurz auf, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder seinem Schachspiel zu. Er spielte am liebsten alleine. Sein Bruder blieb nachdenklich vor dem Spiegel stehen und betrachtete sein Bild. Ich bin ein alter Mann geworden, dachte er resigniert und ging langsam mit schlurfenden Schritten weiter. Mike hatte die Dunkelheit erreicht. Ein Unterschlupf, eine wabernde Höhle - nichts Festes. Dennoch trat er durch den Eingang, er hatte keine Wahl. Hinter ihm schloss sich die Tür. Feuer flammte auf - schreiende Menschen in einem Kessel, kleine gehörnte Männchen tanzten durch die Flammen und piekten die Verzweifelten mit langen Mistgabeln in ihr Fleisch. „Noch nicht gar“, kicherte einer von ihnen. Mike wollte fort, suchte nach der Tür, doch da war nichts. Und dann entdeckten sie ihn. Rotglühende Augen starrten ihn an.
Bill hatte sein Spiel beendet. Jetzt wollte er sich den neuen Spiegel noch einmal ganz in Ruhe ansehen. Die Katze, die zu seinen Füßen gelegen hatte, streckte sich und gähnte herzhaft. „Kommst du mit, Minka?“ Doch das Tier machte kurz vor der Halle kehrt und schoss panisch davon. Komisch, wie die Katzen sich neuerdings verhalten. Sie meiden den Spiegel, dachte Bill und blieb vor demselben stehen. Naja, etwas Unheimliches strömte der tatsächlich aus. Vielleicht sollten wir ihn anderswo verwahren, fuhr es ihm durch den Kopf. Er würde mit James darüber sprechen. Katzen hatten einen sechsten Sinn, das wusste er. Leicht berührte seine Hand das kühle Glas. Es schien seine Konsistenz zu verändern, flüssig zu werden. Bill tauchte förmlich hinein.
James hatte seine Suche nach Mike aufgegeben. Bis in die alten Kellergewölbe war er hinabgestiegen. Vergeblich. Der alte Pick-up stand im Hof, also war sein Bruder auch nicht in den Ort runtergefahren. „Bill, wenn du endlich fertig bist, könntest du dann …“ Bills Sessel war leer, das Schachspiel stand einsam und verlassen. Daneben thronte die rote Katze, die Bill sonst auf Schritt und Tritt begleitete. Irgendwas stimmte hier nicht! Sollte der Antiquitätenhändler doch Recht gehabt haben und das Ding war verflucht?! Ich werde genügend Abstand halten, schwor er sich und starrte den Spiegel aus gebührender Entfernung an. Kurz war es ihm, als würden seine Brüder ihm zuwinken. Doch darauf fiel er nicht herein. Sie konnten nicht dort sein, das war nur Glas und weiter nichts. Er machte einen Schritt nach vorne. Sein eigenes Gesicht sah ihm entgegen, und ihm war, als sei er in den letzten Stunden gealtert. Fahle Haut spannte sich wie Pergament über die Wangenknochen. Sekundenschnell schien er zu verfallen. Das Gesicht des Todes, die Haut löste sich, schuppte einfach ab - ein Totenkopf mit leeren Augenhöhlen war alles, was von ihm übrig blieb.
Man fand die drei Brüder erst später, nachdem der Bote vom Pizza-Service sich gewundert hatte, dass seit drei Tagen niemand öffnete, um das Essen entgegenzunehmen. Die Mac Quinns lagen in der kalten Eingangshalle unter einem Wandspiegel, und man konnte nur noch ihren Tod feststellen. Der Arzt, der die Totenscheine ausstellte, schüttelte den Kopf. James starb an Herzversagen, aber die anderen beiden waren ihm ein Rätsel: Mike der jüngste Bruder hatte schwere Verbrennungen erlitten, doch die eigentliche Todesursache schien Herzstillstand durch panische Angst zu sein. Und Bill war schlicht weg ertrunken. „Wie kann ein Mann in einer Eingangshalle ertrinken?“ Dr. William strich sich verwirrt über seine Glatze, auf der ein paar Wassertropfen perlten. Als er aufsah, stellte er fest, dass sie vom Spiegel kamen. „Seltsam. Nun, wie dem auch sei - was denken Sie, was jetzt mit der Burg geschehen wird? Soweit ich weiß, gibt es keine lebenden Verwandten.“ Der Bürgermeister zuckte mit den Achseln. „In diesem Fall wird das Anwesen in den Besitz der Stadt zurückfallen. Entweder wird es versteigert oder aber ein Museum daraus gemacht. Letzteres bietet sich ja geradezu an.“ Bewundernd glitten seine Hände über die Verzierungen des Rahmens. „Nehmen Sie nur mal diesen alten Spiegel. Echtes Teakholz - sowas wird heute gar nicht mehr hergestellt. Man sollte gerade auch die jüngere Bevölkerung in den Genuss dieser seltenen Antiquitäten kommen lassen! Das ist Kultur. Meinen Sie nicht auch?“ Im Geiste sah er bereits Schulklassen durch die Gänge der alten Burg ziehen. Und mit den Einnahmen dadurch ließ sich noch so manch anderes bewerkstelligen. Zufrieden warf er einen letzten Blick auf den Spiegel, der ihn erst auf diese schöne Idee gebracht hatte.

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©byChristine Erdic

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Die deutsche Buchautorin Christine Erdic lebt zur Zeit hauptsächlich in der Türkei.
Beruflich unterrichtete sie in der Türkei Deutsch für Schüler (Nachhilfe), sie gab
Sprachtraining an der Uni und machte Übersetzungen für türkische Zeitungen.
Mehr Infos unter Meine Bücher- und Koboldecke
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