Eine Geschichte zum Sonntag

Die Schmutzhexe
Aus dem Buch DIE MAGIE DER GESCHICHTEN
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Chrissy kannte verschiedene Arten von Hexen - und manche von ihnen durchaus nicht nur aus Erzählungen oder Büchern. Da gab es zum Beispiel eine ganz nette, die ihr schon oft einen Apfel über den Holzzaun, der den Garten mit all seinen herrlichen Blumen und Bäumen und dem kleinen Fachwerkhaus am Dorfrand umgab, gereicht hatte. Dann war da aber auch noch die andere - Chrissy schauderte - da ging die Mutter manchmal hin, und das Mädel weigerte sich stets, die düstere Stube der dunkel gekleideten Frau mit dem schwarzen Kopftuch zu betreten.
„Bockst du schon wieder?“, fragte die Mutter verärgert - doch Chrissy blieb mit hinter dem Rücken geballten Fäusten und geschlossenen Augen im Treppenhaus stehen, egal, wie lange der Besuch auch dauerte.
Aber mit der Schmutzhexe verhielt es sich anders. Die würde sie gerne mal besuchen. Leider wohnte die in einem Buch. Moritz hatte es gut! Chrissy konnte zwar noch nicht lesen, aber Geschichten, die sie mochte, lernte sie schnell auswendig, sodass die Mutter nur den ersten Satz vorlesen brauchte, den Rest erzählte die Tochter.
Besonders schön fand sie die Stelle, wo Moritz wissen will, wo er denn schlafen soll und die Schmutzhexe Im Schlamm natürlich antwortet. Aber es kommt noch besser! Als der Junge fragt, mit wem er spielen soll, werden ihm Kakerlaken, Eidechsen und Spinnen vorgeschlagen. „Ich mag Eidechsen, vor Spinnen habe ich auch gar keine Angst, aber da fliegen ja so schöne Fledermäuse herum“, Chrissy deutete mit leuchtenden Augen auf die Buchseite.
„Du bist wirklich kein normales Kind“, rügte die Mutter. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dich haben sie in der Klinik vertauscht.“
„Oh schade, kann es denn nicht doch sein?“ Das klang enttäuscht.
„Ich muss jetzt Wäsche aufhängen! Sieh dir das Buch alleine weiter an.“
Moritz wollte nicht im Schmutzland bleiben. Dummer Junge! Chrissy beugte sich tiefer über das Buch – und plötzlich ergriff sie ein Sog. Kurz wurde ihr schwarz vor Augen, aber dann wurde alles wieder lichter. Überall Schlamm, Brauntöne von hell bis dunkel, ein schmutziges Grün, selbst die wackelige Hütte der Hexe war ockerfarben. Das Mädel hob probeweise den Fuß. Ei, wie das schmatzte! Innerhalb kurzer Zeit hatte Chrissy sich nach Strich und Faden eingesaut. Kröten gaben ihr quakiges Konzert. Sie jauchzte hell auf. Hier gab es ja so viel zu entdecken!
„Na, macht es dir Spaß, meine Kleine?“
Chrissy drehte sich um. Direkt hinter ihr stand die Schmutzhexe und lachte. Dabei zeigte sie zwei schwarze Zahnstummel. Ansonsten schimmerte sie grünbraun.
„Hallo Schmutzhexe, freust du dich, dass ich dich besuchen komme?“
Die Alte gab ein Kichern von sich.
„Du hast nicht zufällig ein Lebkuchenhaus wie die Hexe in Hänsel und Gretel? Ich habe nämlich ein kleines bisschen Hunger.“
„Sehe ich so aus?“, fragte die Hexe.
Das Mädchen betrachtete sie aufmerksam und schüttelte dann den Kopf.
„Neee, was hast du denn zu essen?“
„Wir könnten ein paar Blutegel aus dem Teich fischen und daraus ein leckeres Süppchen kochen, was meinst du?“
Chrissy schüttelte sich. „Du Arme, ich wollte, ich könnte dich mitnehmen. Ich esse abends immer nochmal warm, wenn mein Vater von der Arbeit kommt. Heute gibt es Senfeier!“
„Ja, das wäre fein!“ Die Hexe lachte schon wieder. „Schau, da kommen die ersten Fledermäuse, die Nacht bricht herein. Wenn du mich fragst, es ist längst Abendbrotzeit!“
„So spät ist es schon?“ Entsetzt blickte das Mädel zum Himmel. Und wirklich - der färbte sich dunkelbraun, als würde er all den Schlamm um sie herum widerspiegeln. Fledermäuse umflogen ihr Haupt und stießen dabei piepsige Rufe aus.
„Dann muss ich nach Hause. Willst du mitkommen?“
„Nein, das geht nicht, ich bin doch fest in diesem Buch gefangen. Aber ich zeige dir gern den Weg hinaus.“
Chrissy musste nur nach links gehen und auf einen kleinen Hügel steigen. „Besuch mich bald wieder“, sagte die Schmutzhexe und lachte schauerlich.
„Christine, wie siehst du wieder aus, du Ferkel! Wann warst du überhaupt draußen?“ Die Mutter runzelte verärgert die Stirn. „Hände waschen und umziehen, aber dalli, wenn du noch was zu essen haben willst!“
Zum Glück hatte sie die Schlammspuren auf dem Teppich nicht entdeckt. Das würde noch früh genug ein schönes Theater geben.
Am nächsten Morgen ging die Mutter einkaufen. „Willst du mit?“ Chrissy schüttelte den Kopf. Das war doch die Gelegenheit!
„Komm schon, du bist ein richtiger Stubenhocker geworden. Immer nur Bücher vorm Kopf. Was soll das erst werden, wenn du lesen kannst!“
Chrissy blieb in ihrer Ecke sitzen. „Verstockt bist du auch noch! Für sowas habe ich jetzt keine Zeit! Mach doch, was du willst!“ Und genau das tat sie auch, sobald die Tür hinter der Mutter ins Schloss gefallen war. Aus der Küchenschublade holte sie sich die Schere, schlug das Buch auf und – ratsch, hatte sie die Schmutzhexe ausgeschnitten.
„So“, sagte sie zufrieden. „Nun bist du nicht mehr im Buch gefangen.“ Dann widmete sie sich einem Puzzle.
Der Tag verlief ohne weitere Zwischenfälle. Am Abend entdeckte die Mutter, dass mit der aufgeschlagenen Seite im Buch was nicht stimmte und zeigte es dem Vater.
„Dieses unmögliche Kind hat doch tatsächlich das schöne Buch zerschnitten! Ich weiß nicht, was ich noch machen soll! Gestern dachte ich einen kurzen Moment, Christine da im Schlamm schmaddern zu sehen. Die Figur im Buch sah genauso aus wie sie. Aber das kann ja nicht sein, da war doch gar kein Mädchen in dem Kapitel, sondern ein Junge. Ich drehe noch durch!“
„Lass mich mal machen.“
Der Vater nahm das Buch und ging ins Kinderzimmer.
„Hast du die Hexe da rausgeschnitten?“, fragte er streng und deutete auf das unförmige Loch auf der Seite.
Die Kleine nickte eifrig.
„Das war nicht gut, sie gehört doch in die Geschichte.“
„Wir können sie doch wieder reinkleben, wenn sie das wirklich möchte“, sagte das Kind zerknirscht.
„Wo ist sie denn?“
„Hier auf dem Tisch, wo auch das Buch …“ Chrissy stockte. „Sie ist weg!“, rief sie fassungslos.
„Ja, glaubst du denn, sie wartet dort ewig?“
Die Kleine sah sich entsetzt um. „Wo ist sie denn hingegangen? Sie kennt sich doch hier gar nicht aus!“
Dann erhellte sich ihr Gesicht. „Ganz bestimmt hat sie einen schönen Sumpf gefunden und baut sich da ein neues Haus. Ich werde sie morgen suchen gehen!“
„Mach das“, schmunzelte ihr Vater.
„Oh je! Gibt es nun gar keine Schmutzhexe mehr im Schmutzland?“
„Da kann ich dich beruhigen, Du hast sie ja nur aus deinem Buch herausgeschnitten, es gibt aber noch viele gleiche Bücher.“
„Mit vielen Hexen drin. Wäre es nicht lustig, wenn man die Schmutzhexe aus allen Büchern …“
„Chrissy, versprich mir, nie wieder etwas aus einem Buch herauszuschneiden.“ Das klang ernst. „Wenn es unbedingt sein muss. Ich verspreche es.“
©byChristine Erdic
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Die deutsche Buchautorin Christine Erdic lebt zur Zeit hauptsächlich in der Türkei.
Beruflich unterrichtete sie in der Türkei Deutsch für Schüler (Nachhilfe), sie gab
Sprachtraining an der Uni und machte Übersetzungen für türkische Zeitungen.
Mehr Infos unter Meine Bücher- und Koboldecke
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