Wie digitale Pflege menschlich bleibt

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Ein neuer Ansatz stärkt die individuelle digitale Beratung pflegender Angehöriger.

Krems (Österreich), 19. August 2026 – Immer mehr Menschen pflegen Angehörige – und immer häufiger suchen sie dabei digitale Unterstützung. Doch gute Beratung besteht aus weit mehr als fachlich richtigen Antworten: Sie lebt von Verständnis, Orientierung und dem Gefühl, gesehen zu werden. Wie sich diese menschliche Qualität auch im digitalen Umfeld bewahren und gezielt weiterentwickeln lässt, zeigt ein Forschungsteam der Karl Landsteiner Privatuniversität (KL Krems). Statt neue technische Funktionen zu entwickeln, begleitete es ein Beratungsteam dabei, die eigene Arbeit systematisch zu reflektieren und aus gemeinsamen Erfahrungen zu lernen. Das Ergebnis ist ein wissenschaftlich fundierter Ansatz, der die personzentrierte digitale Beratung pflegender Angehöriger stärkt. Grundlage dafür ist das in der Pflegewissenschaft etablierte Practice Development.

Der demografische Wandel erhöht weltweit den Bedarf an Unterstützung für pflegende Angehörige. Gleichzeitig gewinnen digitale Angebote an Bedeutung, weil sie Beratung unabhängig von Ort und Uhrzeit ermöglichen. Doch während Technik ständig weiterentwickelt wird, stellt sich eine andere Frage: Wie kann es gelingen, auch im digitalen Raum den Menschen in den Fokus zu setzen und gute Beratung sicherzustellen? Genau hier setzt Practice Development an. Dahinter steht die Idee, dass Qualität nicht durch starre Vorgaben entsteht, sondern dadurch, dass Teams gemeinsam lernen, indem sie ihre Erfahrungen austauschen und ihre Arbeit kontinuierlich reflektieren.

Aus Erfahrungen wird Wissen
Die Forschenden begleiteten die österreichische Beratungsplattform Alles Clara. Pflegende Angehörige erhalten dort digitale Beratung durch Pflegefachkräfte, Psychologinnen und Psychologen sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Die Ratsuchenden können anonym bleiben und müssen nicht auf einen Termin warten. Dabei erfolgt die Beratung vorwiegend schriftlich – jede Formulierung erhält besonderes Gewicht. „Den Beratenden ist immer wieder aufgefallen, dass manchmal schon ein einziger Satz den Unterschied machen kann. Wenn eine Beratung einer pflegenden Angehörigen besonders geholfen hat, wollten wir verstehen, warum. Genau aus solchen Momenten der gemeinsamen Reflexion ist Schritt für Schritt gemeinsames Wissen entstanden.“ sagt Katharina Gabl, MSc, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Pflegewissenschaft mit Schwerpunkt Person-Centred Care Research der KL Krems.

Dabei wurde die Beratungspraxis selbst zum Lernfeld. Wenn beispielsweise eine Formulierung in einem Beratungsgespräch besonders gut funktionierte, wurde diese Erfahrung nicht einfach abgehakt. Die Beratenden brachten solche Beispiele ins Team ein, diskutierten gemeinsam, warum sie erfolgreich waren, und übernahmen sie – wenn sie sich bewährten – in ihr gemeinsames Beratungshandbuch. Aus vielen einzelnen Erfahrungen entstand so Schritt für Schritt gemeinsames Wissen.

Gemeinsam wachsen
Das Handbuch als eines der unterstützenden Werkzeuge blieb dabei kein endgültiges Nachschlagewerk. Es wurde laufend ergänzt. Regelmäßige Reflexionsrunden boten Raum, schwierige Situationen gemeinsam zu besprechen. Ein eigens eingerichtetes Development Panel entwickelte neue Entwicklungsstrategien weiter und überprüfte sie in der Praxis. Die Beratenden beschrieben diesen Prozess selbst als Möglichkeit, gemeinsam zu wachsen, voneinander zu lernen und neue Wege auszuprobieren. Theresa Clement, BSc, MSc, ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fachbereichs, schildert dazu ihre persönlichen Eindrücke: „Mich hat beeindruckt, wie offen die Beratenden ihre Erfahrungen miteinander geteilt haben. Niemand musste die perfekte Antwort haben. Entscheidend war, dass gute Ideen nicht bei Einzelnen geblieben sind, sondern allen geholfen haben, die nächste Beratung noch ein Stück besser zu machen.“

Grundlage der Studie waren Daten von 1.263 Nutzerinnen und Nutzern sowie Feedback zu 342 Beratungen. Sie zeigen, wie unterschiedlich die Anliegen der Ratsuchenden sind – von organisatorischen Fragen bis hin zu emotional belastenden Situationen. Gerade diese Vielfalt macht deutlich, warum gute digitale Beratung mehr braucht als standardisierte Antworten.

Der Mensch bleibt der Maßstab
„Digitale Gesundheitsangebote werden in Zukunft selbstverständlich sein. Umso wichtiger ist es, dass wir der Qualität der zwischenmenschlichen Begegnung genauso viel Aufmerksamkeit schenken wie der technischen Entwicklung. Genau hier zeigt Practice Development sein Potenzial“, sagt Prof. Hanna Mayer, Dekanin der Fakultät für Gesundheitswissenschaften. Für die Forschenden liegt darin die eigentliche Botschaft ihrer Arbeit. Die Frage lautet heute nicht mehr, ob Gesundheitsversorgung digital wird. Entscheidend ist vielmehr, wie sie gestaltet wird. Die Studie zeigt: Menschlichkeit muss im digitalen Raum nicht automatisch verschwinden – durch Aufmerksamkeit, gemeinsame Reflexion und die Bereitschaft, gute Beratung Tag für Tag weiterzuentwickeln, kann sie diesen nutzen und bereichern. Genau das macht Practice Development aus. Mit ihrer Forschung verbindet die KL Krems hier wissenschaftliche Erkenntnisse mit konkreten Lösungen für die Gesundheitsversorgung von morgen – und zeigt, wie Digitalisierung und personzentrierte Versorgung gemeinsam gedacht werden können.

Originalpublikation: Packing for the journey: translating practice development into the digital realm, K: Gabl; H: Mayer; T: Clement, Frontiers in Health Services 6:1797479, 2026, doi: 10.3389/frhs.2026.1797479. https://kris.kl.ac.at/de/publications/packing-for-the-journey-quality-an...

Mehr zur Forschung der KL Krems: https://www.kl.ac.at/de/forschungsblog

Karl Landsteiner Privatuniversität (Stand 08/2026)
Die Karl Landsteiner Privatuniversität (KL Krems) ist eine international anerkannte Bildungs- und Forschungseinrichtung am Campus Krems. Die KL Krems bietet eine moderne, bedarfsorientierte Aus- und Weiterbildung in der Medizin und Psychologie sowie PhD-Programme im Bereich Mental Health and Neuroscience sowie Tumor Biology an. Das flexible Bildungsangebot ist auf die Bedürfnisse der Studierenden, die Anforderungen des Arbeitsmarkts sowie auf die Herausforderungen der Wissenschaft abgestimmt. Mit den Universitätskliniken in Krems, St. Pölten und Tulln sowie dem Ionentherapie- und Forschungszentrum MedAustron in Wiener Neustadt gewährleistet die Universität eine klinische Lehre und Forschung auf internationalem Niveau. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in interdisziplinären Bereichen mit hoher gesellschaftlicher und gesundheitspolitischer Relevanz, darunter mentale Gesundheit, Neurowissenschaften, Onkologie sowie Fragen der Wasserqualität und deren gesundheitliche Auswirkungen. Die Karl Landsteiner Privatuniversität wurde 2012 gegründet und 2013 von der Agentur für Qualitätssicherung und Akkreditierung Austria (AQ Austria) akkreditiert. Zu den Gründungsinstitutionen zählen die Medizinische Universität Wien, die Technische Universität Wien und das Land Niederösterreich. https://www.kl.ac.at/

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