Compivent: Das neue Altersvorsorgedepot – Chance oder Risiko?
Die private Altersvorsorge in Deutschland steht vor ihrer größten Zäsur seit Jahrzehnten. Nachdem Bundestag und Bundesrat das Altersvorsorgereformgesetz verabschiedet haben, tritt die Reform Ende Mai 2026 in Kraft – mit konkreten Auswirkungen ab dem 1. Januar 2027. Was lange diskutiert wurde, ist nun beschlossen: Die Riester-Rente wird durch ein grundlegend neues System ersetzt. Im Mittelpunkt steht das sogenannte Altersvorsorgedepot – flexibler, kapitalmarktorientierter und ohne verpflichtende Garantien. Für Sparer bedeutet das: mehr Freiheit, aber auch mehr Eigenverantwortung.
„Diese Reform ist ein historischer Schritt", sagt Finanzexperte Sven Thieme von der Compivent GmbH. „Erstmals wird der Kapitalmarkt als notwendiger Bestandteil einer funktionierenden Altersvorsorge nicht nur geduldet, sondern aktiv gefördert."
Das neue System ermöglicht es Sparern, staatliche Förderung in breit gestreute Kapitalmarktprodukte wie ETFs oder Aktienfonds zu investieren – ganz ohne die starren Garantieanforderungen, die Riester-Produkte jahrelang gebremst haben. Genau diese Garantiepflichten hatten dazu geführt, dass Anbieter einen Großteil der Gelder konservativ anlegen mussten, was die Renditeentwicklung massiv einschränkte. Das neue Modell bricht mit dieser Logik.
Gleichzeitig warnen Verbraucherschützer vor einer drohenden Verkaufswelle. Mit dem Inkrafttreten der Reform werden zahlreiche Anbieter neue Produkte auf den Markt bringen. Nicht alle davon werden transparent und kosteneffizient gestaltet sein. „Der Wechsel vom alten zum neuen System ist für viele Sparer verlockend", erklärt Thieme. „Aber wer jetzt ohne sorgfältige Prüfung unterschreibt, riskiert, von einem Kostenproblem ins nächste zu tappen."
Für bestehende Riester-Verträge gilt: Sie können zu den bisherigen Konditionen weitergeführt oder zu einem späteren Zeitpunkt in das neue Fördersystem überführt werden. Ein überstürzter Wechsel ist selten sinnvoll. Was zählt, ist eine individuelle Bewertung der eigenen Situation – unter Berücksichtigung von Alter, Einkommenslage, Laufzeit und Anlageziel.
Hinzu kommt die Frage der Auszahlungsflexibilität. Während das alte Riester-System starre Rentenmodelle vorschrieb, ermöglicht das neue Depot eine Wahlfreiheit zwischen lebenslanger Rente und einem individuellen Entnahmeplan. Das klingt attraktiv, birgt aber eine neue Herausforderung: Wer eigenständig über die Entnahmephase entscheidet, trägt auch das Risiko, das Kapital zu früh zu verbrauchen.
„Das neue System schafft Möglichkeiten, die vorher nicht existierten", fasst Sven Thieme aus Radebeul zusammen. „Aber es verlangt gleichzeitig, dass man sie versteht und richtig einsetzt." Genau hier liegt die Aufgabe eines modernen Vorsorgeberaters: nicht Produkte verkaufen, sondern Strukturen schaffen, die langfristig tragen.
Für Sparer ist die Botschaft klar: Das neue Altersvorsorgedepot kann ein kraftvolles Instrument sein – aber nur dann, wenn es auf eine durchdachte Gesamtstrategie aufbaut, die zu den eigenen Lebensumständen passt. Standardlösungen greifen auch hier zu kurz.