Dorfleben – eine Leseprobe

Dorfleben
In unserem Dorf in Niedersachsen bewohnten wir zunächst eine winzige Mietwohnung, die mein Vater gleich nach der Gefangenschaft beim Engländer schon als Junggeselle bezogen hatte. Dementsprechend war es dort natürlich auch sehr beengt. Ich war Dank des Lärms der Nachbarn den Erzählungen nach ein äußerst nervöses Kleinkind und robbte auf Knien so lange im Bett umher, bis dasselbe schließlich ganz woanders stand. Türenknallen ist ein Geräusch, das mich noch heute an die Decke fahren lässt. Da mein Vater morgens früh um 4 Uhr aufstehen und in die Stadt zur Arbeit fahren musste, brachte mir der Krach schon in meinem ersten Lebensjahr, laut meiner Mutter, regelmäßige Schimpfe und Prügel ein, denn mein Vater war dann den ganzen Tag unausgeruht.
Die Situation wurde erst besser, als wir in eine etwas größere Wohnung zogen, in der ich ein eigenes Zimmer bekam. Im unteren Stockwerk befanden sich Küche und Bad, im ersten Stock ging man erst durch die Stube, dann durch das elterliche Schlafzimmer in mein Gemach.
Ich verfüge über ein beinahe fotografisches Gedächtnis, was Räumlichkeiten angeht. So versetzte ich meine Mutter einmal in Erstaunen, als ich ihr die Wohnung unserer Verwandten in der ehemaligen DDR detailgetreu beschrieb, obwohl ich nur einmal zu Besuch dort war - und zwar im Alter von zweieinhalb Jahren. Wir besaßen zudem keinerlei Fotos dieser Räumlichkeiten, da die Familie kurz darauf umzog.
Abgesehen von unserer Stube waren die Räume im Winter eiskalt. Winter war ohnehin meine schlimmste Jahreszeit, doch davon später mehr.
Mein Vater war sehr talentiert, er konnte nicht nur gut malen sondern auch wunderschöne bildhafte Geschichten erzählen. So unterhielt er mich Sonntagsmorgens - während meine Mutter noch schlummerte - mit selbst erdachten Märchen von Hexen und Flaschengeistern, die für mich eine greifbare Form annahmen. Für das Malen und Zeichnen begeisterte ich mich von Kindesbeinen an. Außerdem war kein Buch vor mir sicher, und ich verschlang bereits im zarten Alter von neun Jahren heimlich „Der Arzt von Stalingrad“, „Das Herz der 6. Armee“ und „Die Tochter des Teufels“ von Konsalik. Ich schrieb leidenschaftlich gerne selber kleine Geschichten und Gedichte - mit letzteren wurden an Geburtstagen die lieben Verwandten beglückt. Nur eines der Talente meines Vaters blieb mir für immer versagt: Er war musikalisch hochbegabt, nahm privaten Gesangsunterricht und sang Tenor. Sein Ziel war von jeher die Oper, doch schon vor meiner Geburt musste er die heiß begehrten Gesangsstunden aus Geldmangel abbrechen. 1922 geboren, war er somit nicht nur ein Opfer des zweiten Weltkrieges mit einer nicht ausgelebten Jugend sondern wurde zudem auch eines der Nachkriegszeit. Ich weiß noch, dass er jedes Mal Zustände bekam, wenn ich den Mund öffnete, um die Lieder von Mireille Matthieu mit Begeisterung und ausgeprägtem französischem Akzent nachzusingen.
„Du wechselst dabei ja sogar die Tonleitern! Wie ist das nur möglich? Hör bloß auf, das erträgt ja kein Mensch!“
Meine Mutter drückte sich einfacher aus: „Kack in einen Strumpf und wirf ihn die Treppe runter. Das klingt besser.“
Nun, man kann eben nicht jedes Talent erben. Irgendwann sah ich ein, dass mein Gesang nur in meinen eigenen Ohren ausgesprochen gut klang und beschloss gnädig, meine Mitmenschen fortan damit zu verschonen.
Mein Vater war waschechter Berliner, sprach allerdings ein sehr gutes Hochdeutsch. Meine Mutter kam aus einem Dorf in der DDR, zu jener Zeit Ostzone genannt. Als sie 18 war, gelangte sie mit einem einfachen Sprung über die Grenze in den Westen, das war damals noch möglich. Ihre Familie blieb zurück, die ältere Schwester mit Ehemann (meinem Lieblingsonkel) sollte erst Jahre später folgen. Schon als Kind an schwere Feld- und Hausarbeit gewöhnt, nahm meine Mutter kurzerhand eine Stellung als Hausmädchen in einer Kleinstadt an. Einer ihrer Lieblingssprüche lautete: „Wir mussten früher arbeiten bis die Schwarte kracht!“
Meine Erziehung gestaltete sich alles andere als einfach. „In der Zeit, in der du entstanden bist, hätten wir lieber einen Apfel essen sollen“, stöhnte meine Mutter oft. Mit zahlreichen Schlägen und derben Schimpfwörtern, die in „Ich schlage dich, bis du in keinen Sarg mehr passt“ gipfelten, wuchs ich dennoch irgendwie auf.
Meine Tante erzählte mir Jahre später, dass meine Mutter mich wegen irgendetwas - genaueres wusste sie nicht mehr, und ich war einfach noch zu klein, um mich zu erinnern - mehrmals schlug. „Sag: Mami, ich mache das nicht wieder“, verlangte sie. „Nun sag es doch“, bat meine Tante mich, der das wohl alles zu viel wurde. Ich aber schaute meine Mutter trotzig an, ballte die Fäuste hinter dem Rücken und entgegnete: „Du kannst jetzt aufhören, du hast mich heute schon genug gehauen.“
Es ist gar nicht so leicht, seinen Platz inmitten der Dorfgemeinschaft zu finden, wenn man eine Zugezogene ist und nicht so richtig dazugehört. (Nach vielen Jahren, wir hatten beide schon erwachsene Kinder, traf ich eins der Dorfkinder wieder, ein Mädchen, das damals schon losheulte, wenn man es nur antippte. Diese Bekannte vertraute mir nun an, sie hätte richtig Angst vor mir gehabt, weil ich immer so taff war. Huch! Ich denke, ich fühlte mich alles andere als taff.)
Also freundete ich mich eher mit den Tieren als den Kindern, die mich nicht mal auf ihre Schaukeln ließen - und ich liebte es zu schaukeln - an. Folglich war ich öfter mal im Hühnerstall zwischen dem Federvieh sitzend, zusammengekauert im Kaninchenstall oder bei den Schweinen anzutreffen. Als ich letztere hinausließ, bekam ich allerdings großen Ärger: „Ja, bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Die hätten doch auf die Straße laufen können!“ Aber so weit dachte ich als Vierjährige eben noch nicht.
Ich hatte als Kleinkind anscheinend schon bei der Sau unserer Vermieter einen Stein im Brett. Das Plumpsklo befand sich direkt neben dem Stall, das heißt, man konnte vom Thron aus die Tiere durch einen Bretterverschlag beobachten. Für mich ein besonderes Vergnügen. Ich war ja mit knapp drei schon sehr selbstständig und wollte immer alleine zur Toilette gehen. Eines Tages erwischte meine Mutter mich, wie ich meine Finger grad in den Nasenlöchern des Schweins versenkte, das dabei freudig grunzte.
„Wenn das zugeschnappt hätte, wäre deine Hand weg gewesen“, schimpfte sie, nachdem sie sich vom ersten Schrecken erholt hatte. Derselben Sau fiel auch eine meiner Puppen zum Opfer, die ich ihr eigentlich nur zeigen wollte. Den Dieter mit dem Gummikopf mochte ich ja doch ganz gerne. Leider fiel er mir über die Brüstung, auf die ich geklettert war, was das Schwein dazu animierte, zu überprüfen, ob die Puppe seinen Geschmack traf. Dieter wurde dann aber doch noch gerettet, wenn auch mit stark angeknabberter Nase.
Wenn ich überhaupt mit Kindern spielte, so waren das vorwiegend größere Jungs, die nicht so langweilig wie die Mädchen mit ihren Puppen waren. Ich bevorzugte definitiv Teddys, vor allem meinen Christian - den ich sogar in einer Karre spazieren fuhr, saß auf jedem Baum, besaß Pfeil und Bogen (natürlich selbstgebastelt) und eine Zwille. Auf dem Dorf wohnten auch Zwillingsbrüder - zweieiig und ein paar Jahre älter als ich - die bastelten mir ein Gewehr aus Holz, mit dem man Einweckringe abschießen konnte. Damals war das mein ganzer Stolz. Als das Gummi jemanden traf, wurde es mir jedoch zur Strafe zerbrochen. Wir drei spielten aber weiterhin gemeinsam mit Begeisterung in einem Autowrack im Garten ihrer Großeltern.
Aus dem Buch “Das Leben ist ein Arschloch und ich stecke mitten drin”.
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©byChristine Erdic
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Die deutsche Buchautorin Christine Erdic lebt zur Zeit hauptsächlich in der Türkei.
Beruflich unterrichtet sie in der Türkei Deutsch für Schüler (Nachhilfe), sie gab
Sprachtraining an der Uni und machte Übersetzungen für türkische Zeitungen.
Mehr Infos unter Meine Bücher- und Koboldecke
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