Diskriminierung in Dinslakener Hotel: Sonderreinigungsgebühr wegen Schuppenflechte

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Im Hotel Zum Grunewald in Dinslaken sollte Christian U. wegen seiner Schuppenflechte (Psoriasis) eine Sonderreinigungsgebühr von 60 Euro zahlen. Zuvor hatte sich der Geschäftsführer des Hotels aber offenbar schon beim Arbeitgeber von Christian U. über ihn beschwert.

Christian U. leidet seit über 26 Jahren an Schuppenflechte. Er hat sich mit seiner chronischen Erkrankung eigentlich ganz gut arrangiert – mit bohrenden Blicken seiner Mitmenschen, ihrem verborgenem Getuschel und auch mit offen geäußerten abfälligen Kommentaren zum Erscheinungsbild seiner Haut weiß er umzugehen. Doch was er auf einer Geschäftsreise im März dieses Jahres in dem Dinslakener Hotel Zum Grunewald erleben musste, hat selbst ihn, der schon einiges an Diskriminierung gewohnt war, noch überrascht.

60 Euro Sonderreinigungsgebühr gefordert

Nachdem er am Vormittag des 6. März, einem Montag, eingecheckt und das Gepäck auf sein Zimmer gebracht hatte nahm Christian U. zunächst einen beruflichen Termin wahr. Als er abends zurückkehrte machte er einen Mitarbeiter des Hotels auf seine chronische Erkrankung und die daraus resultierende erhöhte Schuppenbildung seiner Haut aufmerksam. Dieser Hinweis wurde offenbar dankbar entgegengenommen und man vermittelte ihm den Eindruck, professionell damit umzugehen.
Am Donnerstag, 9. März, um etwa 12:00 Uhr erhielt Christian U. dann von einem Arbeitskollegen aus der Firmenzentrale eine SMS mit der Bitte, er möge sich telefonisch mit dem Geschäftsführer des Hotels Zum Grunewald in Verbindung setzen. Dieser Bitte kam er unverzüglich nach. Während des Telefonats eröffnete ihm der Hotelier, dass er für eine Sonderreinigung zusätzliche 60 Euro zu entrichten habe. Die von ihm benutzte Bettwäsche könne aufgrund von Blutflecken nicht mehr gereinigt werden und tauge nur noch zur Verwendung „als Putzlumpen“. Auch könne das von ihm bezogene Zimmer über seine für Freitag, den 10. März, geplante Abreise hinaus am Samstag und am Sonntag nicht vergeben werden. Christian U. lehnte die Zahlung einer Sonderreinigungsgebühr ab. Der Aufforderung des Hotel-Geschäftsführers, einen „Gegenvorschlag“ zu unterbreiten, wollte er am Telefon nicht nachkommen. Er regte stattdessen an, sich am Abend in einem persönlichen Gespräch auszutauschen. Dem stimmte der Hotelier zu.

Vergleich mit läufiger Hündin

Am Abend musste Christian U. dann zunächst darum bitten, das Gespräch nicht an der Rezeption stehend und in aller Öffentlichkeit, sondern ungestört an einem Tisch sitzend führen zu dürfen. Auf seine Frage, wie das Hotel mit ggf. verunreinigter Bettwäsche einer Frau mit Monatsbeschwerden verfahre, entgegnete der Hotel-Geschäftsführer nur, dass er in einem solchen Fall auch eine Sonderreinigungsgebühr erheben würde – und schlug alsdann den Bogen zu einer läufigen Hündin, die ihrem Besitzer ebenfalls eine Sonderreinigungsgebühr in seinem Hotel eingebracht habe.
Der offenkundig unsensible und respektlose Umgang des Geschäftsführers mit Frauen mit Monatsbeschwerden soll hier gar nicht weiter erörtert werden, spricht jedoch Bände über das Selbstverständnis als Hotelier und die Gastfreundlichkeit in dieser Unterkunft.
Was jedoch durchaus einer Erörterung bedarf: Die Erhebung einer Sonderreinigungsgebühr für angeblich entstehenden Mehraufwand bei der Reinigung der Hotelzimmer aufgrund krankheitsbedingter Hautschuppung stellt alleine schon eine besonders verachtende und diskriminierende Form der Stigmatisierung dar. Dies dann aber auch noch mit der Beherbergung einer läufigen Hündin zu vergleichen bzw. zu rechtfertigen, vervollkommnet den Diskriminierungstatbestand in bislang unbekannter Weise.

Bilder gemacht

Dass der Hotel-Geschäftsführer an einem konstruktiven Gespräch und einer gütlichen Einigung ohnehin kein sonderlich großes Interesse hatte und für die Erkrankung Schuppenflechte keinerlei Verständnis aufzubringen bereit war, machte er auch mit der Äußerung „Sie haben Ihr Problem zu meinem gemacht.“ mehr als deutlich. Obendrein eröffnete er auch noch, dass er „zur Beweissicherung“ Bilder vom Zustand des Zimmers gemacht habe. Auf die Forderung von Christian U., diese Bilder zu löschen, entgegnete der Hotelier nur lapidar, sich damit ohnehin nicht unnötig seinen Speicherplatz belegen zu wollen. Er könne „aber nicht ausschließen, dass das Reinigungspersonal nicht auch Bilder gemacht“ habe.
Da Christian U. zum Zeitpunkt seines Aufenthaltes im Hotel Zum Grunewald erst seit einer Woche in Diensten seines neuen Arbeitgebers stand und diesen mit dem Vorfall nicht behelligen wollte, willigte er letztlich in eine einmalige Zahlung von 40 Euro ein – in der Hoffnung, dass der Fall damit erledigt sei. Dass der Hotel-Geschäftsführer ihm zum Ende des Gesprächs zunächst den Handschlag verweigerte und ihm erst nach seinem erneuten, jetzt zynisch vorgetragenen, Hinweis auf die Nichtansteckung der Psoriasis die Hand gab, passt ins Bild.

Reinigung ‚auf Sicht‘?

Menschen mit Schuppenflechte leiden bereits genug unter ihrer Erkrankung, den mit ihr verbundenen Begleit- und Folgeerkrankungen sowie den tagtäglichen Stigmatisierungen und Diskriminierungen. Da bedarf es nun wirklich keiner zusätzlichen Stigmatisierung und Diskriminierung in Hotels. Von einem 3-Sterne-Hotel wie dem Hotel Zum Grunewald in Dinslaken, auch noch geführt von einem (ehemaligen) Kreisvorstand des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes e.V. (DEHOGA), dürfte man eigentlich erwarten, dass es auch Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen zuvorkommend beherbergt und menschenwürdig behandelt – anstatt sie zu diskriminieren.
Es drängt sich zudem der Verdacht auf, dass die Reinigung in diesem Hotel nur nach ‚sichtbarer Verschmutzung‘ erfolgt: Denn jeder Mensch – auch mit gesunder Haut – sondert permanent Hautschuppen (aufgrund von Verhornung) ab. Diese Schuppen sind jedoch so klein, dass sie mit bloßem Auge in der Regel nicht zu erkennen sind. Wenn also sichtbare Hautschuppen einen derart kostspieligen Mehraufwand für ein Hotel darstellen, steht zu vermuten, dass bei ‚unsichtbarer Verschmutzung‘ keine hygienegerechte Reinigung stattfindet. Auch etwaige kleine Blutflecken in Bettwäsche stellen für andere Hotels keine derartige Herausforderung dar, dass sie deswegen eine Sonderreinigungsgebühr erheben würden. Im Übrigen zeugt auch der Hinweis, verunreinigte Bettwäsche „als Putzlumpen“ zu verwenden, nicht unbedingt von einem ausgeprägten Hygieneverständnis. Auch der von der DEHOGA Deutsche Hotelklassifizierung GmbH für Unterkünfte für gehobene Ansprüche (drei Sterne) geforderte „systematische Umgang mit Gästebeschwerden“ sieht sicherlich anders aus – und wird nicht zu ‚Beschwerden über Gäste‘ bei ihren Arbeitgebern umdefiniert.

Fatales Nachspiel

Denn wie sich herausstellte, war der äußerst unschöne Vorfall im Hotel Zum Grunewald für Christian U. mit der Begleichung der Sonderreinigungsgebühr in Höhe von 40 Euro keineswegs erledigt. Offenbar erreichte seinen Arbeitgeber noch vor seinem Gespräch mit dem Hotel-Geschäftsführer am Abend des 9. März eine Beschwerde des Hoteliers – gesendet per E-Mail an einen möglichst breiten Verteilerkreis, u.a. auch an die Geschäftsführung. Ob auch Bilder mitgeschickt wurden, wurde Christian U. in dem Gespräch mit seinem Arbeitgeber, in dem ihm u.a. „aufgrund des Vorfalls in Dinslaken“ die Kündigung in der Probezeit mit anschließender Freistellung ausgesprochen wurde, nicht mitgeteilt.

DPB eingeschaltet

Christian U. wandte sich entrüstet an den Deutschen Psoriasis Bund e.V. (DPB), die Selbsthilfeorganisation von und für Menschen mit Schuppenflechte in Deutschland. Der DPB forderte den Geschäftsführer des Hotels Zum Grunewald in einem Schreiben „unmissverständlich auf, sich in aller gebotenen Form bei Herrn U. zu entschuldigen“ und künftig in seinem Hotel „von der Erhebung einer Sonderreinigungsgebühr für aus einer chronischen Erkrankung oder Behinderung angeblich resultierenden Mehraufwand bei der Reinigung der Hotelzimmer Abstand zu nehmen.“ Zudem informierten Christian U. und der DPB, den Vorfall bei der zuständigen DEHOGA Deutsche Hotelklassifizierung NRW GmbH zu melden.

Reaktion des Hoteliers

Der Hotel-Geschäftsführer reagierte auf das Schreiben des DPB:
Er habe „mit Bestürzung erkennen müssen, welche Auswirkungen der Vorfall (…) mit sich gebracht hat. (…). Allen von Psoriasis Betroffenen kann ich hier nur aus voller Überzeugung versichern, dass der Eindruck von Diskriminierung und Stigmatisierung absolut nicht meine Absicht war und ist. In der Zwischenzeit hatte ich Gelegenheit, mich mit der Thematik eingehend zu beschäftigen, und muss zugeben, dass ich mir eine andere Sicht der Dinge angeeignet habe. Aus diesem Grund komme ich Ihrer Aufforderung nach und entschuldige mich hiermit in aller gebotenen Form bei Herrn U. (…). Ich habe die mit der Zimmerpflege befassten Mitarbeiter/-innen hinsichtlich des zukünftigen Umgangs entsprechend instruiert, so dass wir mit einer Situation wie der vorliegenden angemessen umgehen werden und Gebühren bzgl. Sonderreinigung vor dem Hintergrund chronischer Erkrankungen und Behinderungen nicht mehr erheben werden. Außerdem kann ich versichern, dass weder bei mir noch sonstwo in unserem Hause Fotos von der Angelegenheit existieren. Den DEHOGA Nordrhein habe ich bereits meinerseits informiert. Zusätzlich werde ich – mit aller gebotenen Diskretion – bei zukünftigen Kontakten mit anderen Hotels auf dieses Thema aufmerksam machen und empfehlen, den Umgang mit der Krankheit zu überdenken.“ Um seiner „veränderten Sichtweise (…) nochmals Nachdruck zu verleihen“, werde er den Betrag der Sonderreinigungsgebühr in Höhe von 40 Euro verdoppeln und einer gemeinnützigen Einrichtung in der Region, die sich stark im Bereich der Kinderkrebshilfe engagiert, zukommen lassen. Abschließend bekräftigte der Hotelier nochmals sein „äußerstes Bedauern“. Er werde sich „zukünftig intensiv bemühen, eine solche Situation nicht mehr aufkommen zu lassen.“

Läuterung?

Christian U. nahm die Entschuldigung des Hotel-Geschäftsführers mit Skepsis zur Kenntnis:
„Ich hoffe doch sehr, dass diese Worte ernst gemeint sind und dass hier wirklich ein Umdenken stattgefunden hat. Auf Nachfrage bei der DEHOGA, ob der Hotelier sie informiert habe, wollte man mir leider keine Auskunft erteilen. Bei der gemeinnützigen Kinderkrebshilfe-Einrichtung wurde mir allerdings auch zwei Monate nach dem Entschuldigungsschreiben noch mitgeteilt, dass keine Spende eingegangen sei – weder offiziell vom Hotel Zum Grunewald noch privat von dessen Geschäftsführer.“